Archtop-Germany  -  Testberichte

Archtop-Böden/Zargen

Welchen Einfluss haben Böden / Zargen auf den Archtop-Sound?

Als Joe Striebel mir eines Tages erzählte, dass er eine 16’’ Archtop mit Birkenboden und -zargen bauen wird, war mir sofort klar, dass dies eine Gelegenheit sein würde, einen Vergleichstest zu organisieren, bei dem man herausfinden kann, welchen und wie stark der Einfluss von Boden und Zargen auf den Gesamtsound einer Archtop ist.

Joe zeigte sich von der Idee auch sofort angetan und nach Fertigstellung des Instrumentes wurde der Vergleichstest in seiner Werkstatt in Wolfratshausen angegangen.

Striebel 17 AP, Striebel 16, Striebel 16  48, Gibson L48

Hierzu war mir wichtig, dass die Beurteiler dieses schwierigen Unterfangens zum ersten ein feines Gehör für diese Nuancen haben müssen, viel Erfahrung haben müssen im Beurteilen von Archtops, fachlich in der Lage sein müssen, die anderen Klangeinflussfaktoren weit möglichst zu kennen und ignorieren zu können und aus verschiedenen Blickwinkeln an die Sache herangehen.

Joe Striebel, als einer der besten Archtop-Bauer Europas mit seiner jahrelangen Berufserfahrung und unheimlichem Gespür für Holzauswahl war natürlich seitens der Fraktion der Gitarrenbauer beteiligt, zu mal drei der zu testenden Gitarren aus seiner Werkstatt stammten.

Als Zweiter folgte Herbert Rittinger der Einladung.

 

Herbert Rittinger mit 2 x Artur Lang

Herbert gilt als einer der besten Restaurateure und Kenner von Vintage-Archtops und verfügt über sehr große Erfahrung gerade auch im Bereich der “kleinen” Klangeinflussfaktoren.

Ich selbst, als Initiator und seit Jahren ein Pofi im Bereich des Beurteilens von Archtops, deren Klängen und deren Umfeld, war natürlich auch dabei.

Was noch fehlte, war ein ganz hervorragender Spieler, der sowohl über das nötige Feingefühl im Spiel als auch über ein großes Erfahrungsspektrum im Beurteilens von Archtop verfügte.

Joe Striebel_Checking

In Philipp Stauber war diese Person schnell gefunden und galt bei allen auch als erste Wahl für diese Position. Sein feinfühliges und vielseitiges Spiel holte aus den Testgitarren sozusagen alles raus.

Wir hatten somit auch Gelegenheit zu bestimmen, ob die Nuancen bei sanftem Fingerpicking die gleichen sein würden, wie bei straightem Strumming.

Um eines nochmals klar zu betonen: Alle Tester sind sich der mannigfaltigen Einflussfaktoren beim Sound einer Archtop bewusst und haben genügend Erfahrung für dieses Unterfangen.

Philipp Stauber_GibsonL48

Die Testobjekte waren alle mit massiver Fichtendecke ausgestattet. Ansonsten:

- Striebel 16’’ mit Ahornkorpus
- Striebel 16’’ mit Birkenkorpus
- Striebel 17’’ mit Annegreekorpus
- Gibson L48 mit Mahagonikorpus
- Lang 17,5’’  mit Ahornkorpus

(Ja, DIESE L48 hat eine massive Fichtendecke!, sie wurde von Joe Striebel komplett restauriert, er muss das ja schließlich wissen... :-)

Philipp Stauber_StriebelL48

Um eines vorweg zu nehmen, um die weiteren Ausführungen zu vereinfachen: Alle vier Tester, die ja nun jeder einen völlig anderen Ansatz zum Thema haben, haben im wesentlichen das Gleiche gehört und beurteilt, sowohl bei der Beurteilung des Korpusklang als auch in dem Bereich, Klangfaktoren anderen Teilen der Gitarre zuzuordnen als Boden und Zargen.

Diese doch für mich ein wenig überraschende Übereinstimmung hat dann auch dafür gesorgt, dass das Ergebnis hier veröffentlicht wird und eventuell ein wenig Hilfestellung bietet.

Philipp Stauber_Striebel17AP

Die Gitarren wurden vor dem Test von Joe Striebel noch mal kurz durchgecheckt.

Hier nun einige ganz deutliche Ergebnisse:

Am brillantesten, höhenreichsten, durchsetzungsfähigsten war der Ahornkorpus, gefolgt von Birke, Annegree und Mahagoni.

Wärme im Ton war genau umgekehrt: Mahagoni, Annegree, Birke, Ahorn.

Der Mahagonikorpus wurde als etwas matt, näselnd und hohl empfunden.

Stauber_Striebel16

Der Ahornkorpus wurde von allen als am Vielseitigsten empfunden, frei nach der Devise, dass man nicht genug Höhen haben kann.

Der Annegreekorpus war eine angenehme und schöne Mischung aus Volumen, Brillianz und Wärme.

Der Birkenkorpus war weniger Höhenreich als das Ahorn, aber hatte etwas klarere Definition, eine sauberere Tontrennung.

Vor allem beim Strumming war Birke sehr deutlich definiert, klar, breit und reich im Tonbild.

Stauber_Lang

Beim Fingerpicking ist die Wärme der L48 als sehr angenehm empfunden worden sowie die Ausgewogenheit des Annegree. Beim Strumming ist dagegen der Mahagonikorpus der L48 komplett durchgefallen.

Dem Ahornkorpus wurde durchweg die größte “Strahlkraft” bescheinigt. Vielseitig und “allround”.

Das größere Volumen und die kräftigen Bässe der beiden 17-Zöller wurde einhellig auf die Größe interpretiert, nicht dem Boden.

Das Annegree scheint vor allem für Fingerstyle eine hervorragende Wahl zu sein.

JoeStriebel_Herbert Rittinger

Fazit:

Eindeutig hat die Holzauswahl von Boden und Zargen einen großen Einfluss auf die Klangnuancen einer Gitarre. Das diese nicht so wesensimmanent sind wie Spieler, Saiten und Decke ist jedem, der sich ein wenig mit der Materie auseinandergesetzt hat klar. Aber auch ALLE anderen Teile an einer Archtop beeinflussen den Klang. Das stellt jeder fest, der auf seiner Gitarre beispielsweise mal einen Holz- gegen einen Metallsteg ausgetauscht hat.

Dieser Test hilft vielleicht denjenigen ein wenig, die sich ein hochwertiges Instrument bauen lassen möchten und bezüglich der Holzauswahl noch etwas unsicher sind.

Ich möchte mich bei Joe, Herbert und Philipp ganz herzlich für ihre Zeit, ihre Mühe und vor allem für ihre Begeisterungsfähigkeit bedanken.

Euer
Andreas Polte

Archtop-Germany_Logo2

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