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Archtop-Germany Konzertberichte Andreas Dombert's Urban Jazz, am Freitag, den 24.09.2010 im “Unerhört erfrischend staubfrei”
Das klingt nach einem, der sein Metier von der Pike auf gelernt hat, sich nicht nur Virtuosität sondern auch Seele und Ausdruck im Spiel angeeignet hat, der sich in der "Bundesliga" der Jazzgitarristen etabliert und dabei dem traditionellen Stil, Repertoire und Instrument die Treue gehalten hat. So hatte ich Andreas Dombert jedenfalls bislang kennen gelernt. Ich war wirklich neugierig auf das Projekt, das sich hinter den verheißungsvollen Namen verbarg: "urban" - großstädtisch. "Chameleon", so der Titel der CD. Das klingt nicht gerade nach Tradition und Mainstream, sondern kündigt eher schillernde Farben und Metamorphosen an. Oder etwa doch einen weiteren Aufguss von Herbie Hancocks Gassenhauer? Bloß nicht! Die weitere Besetzung las sich schon mal spannend: Bereits nach wenigen Takten wird durch Andreas' Mimik und Souveränität des Vortrags klar: das Urban Jazz Projekt ist sein Baby, sein Schöpfungskosmos (und der seines langjährigen Freundes Peter Sandner). Sämtliche Stücke sind Eigenkompositionen des Bandleaders, mit modernem Tonsatz, Cluster-Voicings und komplexen Arrangements. Dazu der Synthesizer mit seinem breiten Spektrum an Sounds und jeder Menge an Geräuschen: Endlich mal einer, der die Archtop aus der Schublade des Great American Songbook herausholt und das staubige Repertoire abschüttelt! "Nein, das war von Anfang an klar, dass das nichts mit Standards zu tun haben wird", so Andreas später im Gespräch. Natürlich merkt man an seiner Spielweise, dass seine Wurzeln im Swing und Blues liegen und dass er die altvorderen Stile beherrscht. Das zweite Set beginnt er in ganz traditionellem Stil: solo, mit einer Ballade, einer Eigenkomposition. Wie schon bei mehreren Gitarrensoli zuvor, blitzen bluesige Licks und Hardbop-Linien durch. Der Synthi mischt sich ein und schubselt die Gitarrenläufe langsam auf ein anderes Fundament. Da begegnen sich Subjekte, die erstmal gar nicht zueinander passen wollen: - ein integrer Archtop-Ton wehrt sich gegen sonoriges Gekratze, Doch es ist nur eine Frage der Toleranz. Ich empfinde den Kontrast zwischen purer Jazzgitarre und den elektronischen Samples als sehr reizvoll. Und irgendwann im Lauf des Stücks arrangieren sich Gitarre und Synthi. Die Koexistenz wird zur Ergänzung, schließlich Bereicherung und gegenseitgen Befruchtung. Die Kontraste der Sounds wirken wie eine neue sprachliche Auseinandersetzung zwischen Solist und Band bei der Improvisation - genau diese Kommunikation ist für mich ohnehin das essentielle Element im Jazz. Klasse! Doch den hohen Anspruch über den ganzen Abend aufrechtzuerhalten gelingt nicht durchgängig. Der Bandsound ist zwar wunderbar transparent. Die Mitmusiker sind erstklassig, jeder von ihnen bekommt genügend Raum und wird auch entsprechend gefeatured. Doch die langen solistischen Intros wirken mir im Vergleich zum stilistischen Grundkonzept ein wenig aufgesetzt, die Übergänge zum Einstieg der restlichen Band sind etwas vom Zaun gebrochen. Aber "das Projekt ist ja noch auf dem Weg, das muss sich erst noch weiter entwickeln", so Andreas hinterher. Andreas spielt eine klassische, wenn auch nicht sehr verbreitete Archtop: eine Gibson Johnny Smith. Im Jahr 2009 ist er auf dieses Modell umgestiegen. Ja, seine L5 habe er natürlich noch, aber sie sei nicht mehr sein Hauptinstrument, aus mehreren Gründen. "Die Johnny Smith hat für mich den perfekten Hals", und außerdem störte ihn die Korpuslastigkeit der L5. "Die Johnny Smith ist viel ausgewogener zwischen Korpus und Hals, das macht die Haltung und das Spielen angenehmer." Außerdem gefalle ihm der unverstärkte Klang besser als der der L5. Da er immer ohne Verstärker übe, sei ihm das wichtig. Ansonsten mache er aber kein großes Gedöns um sein Instrument. "Die Gitarre ist mein Arbeitsgerät", das klingen, passen und funktionieren müsse. Zwecks Reduzierung der Feedback-Anfälligkeit hat er die F-Löcher mit transparentem Klebeband verschlossen. Er wisse natürlich, dass das ein Sakrileg sei: "Wenn ich den Tesa eines Tages wieder abziehe, geht der Lack mit ab! Wenn das ein Sammler oder Liebhaber sieht, der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen!" Doch Andreas ist Liebhaber der Musik, nicht des Instruments. Letzteres muss sich seinen Bedürfnissen als Musiker unterordnen. Aber er steht natürlich auf den puren Archtop-Sound: ohne Effekte, nur über ein Bodentreter-Stimmgerät geht es direkt in den vollkommen unterforderten Fender HotRod-Deville-Röhrenamp. Die Höhen zurückgenommen, das Volume im unteren Drittel des Clean-Kanals. Warmer Röhrenton, aber keine Zerre, ganz traditioneller Sound. "Natürlich könnte die Musik, die wir machen, ein paar Effekte für die Gitarre vertragen, da hatte ich auch schon einen oder zwei vorgesehen. Aber es gehört auch zum Konzept, den Kontrast zwischen dem traditionellen Archtop-Sound einerseits und dem Sampler- und Sythesizer-Sound andererseits herauszuheben. Eigentlich ist Peter für die Effekte im Bandsound zuständig. Die Gitarre soll bei ihrem möglichst unverfälschten Klang bleiben". Mein Fazit: Endlich betritt mal wieder jemand neue Pfade. Und die scheinen auch noch nicht ausgetreten oder am Ende angelangt zu sein. Daher absolut hörenswert. Und wie schon Kurt Tucholsky sagte: "Mit dem Jazz ist es wie mit Bananen: am besten vor Ort genießen!" Kurt Schrettenbrunner
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