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Archtop-Germany Konzerte Tuck and Patti im Quasimodo, Berlin von Jürgen Will Das Ouasi, legendärer Jazzclub Berlins, ist noch immer an alter Stelle unter dem Delphi-Kino zu finden. Dieser Klub ist einfach nicht fähig zu sterben, wie so viele andere seiner Art. Das mag daran liegen, dass die Einrichtung und das Programm inzwischen gründlich renoviert wurden. Das Jazzclubambiente der siebziger und achtziger Jahre wurde beseitigt. Aufgeräumt geht es zu. Es ist immer noch dunkel hier, aber nicht mehr finster. An den Wänden hängen, gut ausgeleuchtet, großformatige Photos der Jazzgrößen, die einst hier auftraten. Pure Nostalgie. Mittlerweile finden hier regelmäßig Discomusic-Abende statt. Natürlich mit Lifebands, die sich discomäßig, oder was sie dafür halten, kostümieren und das Partyvolk bespaßen. Das füllt den Laden und lässt Giorgio, den Betreiber, besser schlafen. Das übrige Programm ist gemischt. Viele Rockveteranen der zweiten Liga treten hier noch auf und versuchen aus dem verblichenen Ruhm noch ein wenig Glanz herauszupolieren. (Wer hört/kennt heute noch Wishbone Ash?). Konturloses Singer-Songwriter-Geplänkel für die sensiblen Großstadtromantiker gibt es auch. Der pure Stoff, der Jazz, wird langsam aber sicher knapp im Quasimodo. Es gibt aber auch heute noch Highlights im Quasi. Allerdings besteht die Gefahr, dass in der allgemeinen Kakophonie der Belanglosigkeiten Berlins solche Ereignisse überhört werden. Freitag 11. April 2008, 22 Uhr. Der Club ist schon gut besucht. Alle Sitzplätze sind besetzt. Die Stehplätze am Tresen füllen sich. Überwiegend junges Publikum wartet auf die Show. Auf der Bühne ein Tischchen mit einem frühlingshaften Blumensträußchen in einer Vase. Ein paar Handtücher und Mineralwasser- fläschchen sind bereitgelegt. Auf dem Boden eine flache Kiste mit den Gerätschaften zur Bearbeitung eines Gitarrensignals, welches direkt in die PA geht. Sieht aus wie selbstgebastelt.
Das Kabel kommt in die Gerätebuchse, das Mikrofon in Pattis Hand. Die dicke Gibson hängt hoch vor des Gitarristen Brust. Das muss doch klemmen unterm Kinn. Tuck spielt ein vertracktes Intro aus Blockakkorden mit der Linken und schillernden Flageolett-Arpeggien darüber mit der Rechten und los geht es mit einem schnellen Swing-Standard von ihrer neuen CD "I Remember You". Die Walkingbass-Linien rollen mit Drive durch die Changes. Präzise akzentuierte Akkorde und aufblitzende Fills fügen sich homogen ein und bilden ein vielschichtiges Klangfundament für Pattis beseelten Gesang. Es swingt wie die Sau. Ella und Joe hätten sich nassgemacht vor Freude! Ich war so fasziniert von dem Gehörten und Gesehenen, dass ich nicht mitbekam, welches Stück sie brachten! Dies galt für das ganze Konzert! Die beiden musizierten konzentriert mit höchster Intensität und Hingabe auf einer spirituell zu nennenden Ebene. Absolut magisch! Einzelnen Stücken kam keine bestimmte Bedeutung mehr zu. Es war nicht wichtig was sie machten, sondern einzig wie sie es machten. Direkt und ohne Umweg über den Kopf ins Herz. Sie nahmen uns mit in ihre Welt. Neben den eigenen Titeln, machten die Stücke aus dem "Great American Songbook" den Großteil des Programms aus. Um der umfangreichen Patti eine kleine Pause zu verschaffen, flocht Mr. Andress zwei Instrumentals ein. "It Might As Well Be Spring" holte er von so weit her, dass man es, vorausgesetzt man kennt das Stück nicht, für eine freie Improvisation halten konnte. Irgendwie schaffte er es dann, den Garry Moore Gassenhauer "Still Got The Blues" von seinem starren Quintenzirkel zu befreien und eine Jazzdimension zu verleihen. Die anwesenden Gitarristen litten sichtbar unter Maulsperre. Das "unkundige" Publikum bekam ebenfalls ein Leckerchen präsentiert. Cyndi Laupers "Time After Time" wurde von Patti zu einer Mitsingnummer veredelt, zu der Tuck unauffällige Hintergrundgrooves lieferte. Das Publikum sang seelig den Refrain und alle hatten das Gefühl zur Verbesserung der Lebensbedingungen auf diesem Planeten beigetragen zu haben. Jimi Hendrix wurde geehrt durch ein Medley aus "Castles Made Of Sand" und "Little Wing", die Spieltechnisch sehr ähnlich sind. Mr. Hendrix wäre sicherlich sehr beeindruckt gewesen. In aller Bescheidenheit nahmen die beiden nach jedem Stück den Jubel der sich sonst so abgebrüht gebenden Berliner entgegen. Tuck Andress wirkte unter seiner silbrigen Lockenmähne regelrecht verlegen. Patti, ganz Lady, nahm die Huldigungen etwas selbstverständlicher entgegen. Man weiss ja, was man kann. Zum Schluss wurden reichlich Zugaben gefordert. Tuck und Patti absolvierten diese Übung mit sichtlicher Rührung über so viel Zuneigung und schenkten mehrmals großzügig nach. Ich hatte mir vorgenommen, über Tuck Andress’ ausgefinkelte Fingerstyletechnik, seine verbastelte Gibson L5, die dünnen Saiten und seinen linken Fuß auf dem Volumenpedal zu schreiben. Von wegen! Im Verlauf der ersten Songs war mir völlig klar, dass dies eine Reduzierung auf einen kleinen Teilaspekt einer Musikerpersönlichkeit wäre, die in keiner Weise angemessen, oder gar zulässig ist. Seine Technik isoliert zu analysieren, seine Herangehensweise in der Umsetzung spieltechnischer Höchstschwierigkeiten nachvollziehen zu wollen, erschien mir als würdelose, respektlose Beckmesserei. Ich habe erkannt, dass er das Prinzip Gitarre gründlich verinnerlicht hat und seine Fähigkeiten in den Dienst jener Musik stellt, die mich tief berührt. Nach diesem Abend hatte ich eher das Bedürfnis meine eigenen Empfindungen einer Analyse zu unterziehen. Bin ich überhaupt würdig mich zu äußern? Meine Begleiterin, die vom Musikmachen überhaupt keine Ahnung hat, und ich, waren restlos von der schieren Musikalität, beseelten Virtuosität und der persönlichen Ausstrahlung der beiden gefesselt. Am Ende haben Tuck und Patti, die beiden freundlichen Menschen, allen klar gemacht, worum es bei der Musik eigentlich geht. Universelle Liebe und Magie!
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