Archtop-Germany  Portraits

Dieter Fischer

Als er 1996 anlässlich der Präsentation des Albums "A Tribute to Barney Kessel" mal nicht im Quintett mit den beiden anderen Gitarristen Frank Kuruc und Lorenzo Petrocca, sondern allein im Trio den Standard "Old Folks" spielte, flog ein Engel erst durch die Stuttgarter Dixieland Hall und dann weiter ins Saarland. Dort, unter Heiner Franz' Jazzgitarre-Etikett Jardis, erschien anno 2000 endlich Dieter Fischers eigenes Debütalbum "Trio Music" – ein Ritterschlag. Sensibel, zart, asketisch: Was den 38jährigen charakterisiert, kennzeichnet auch seine Musik. Dabei begann das Leben des "Vorort-Stuttgarters", der in Neuhausen "am Rand der Startbahn" mit Frau und zwei Kindern lebt, so ungewöhnlich, wie er selbst sich jedem Klischee einer "geordneten" Musiker-Biografie entzieht: auf der "Handwerker-Laufbahn. Das ist so unterer Mittelstand, aus dem ich komme", schwäbelt er verbindlich, und unverständlich ist, dass sein Weg zum gestandenen Jazzgitarristen einer aus Widerständen, Opfer- und Entbehrungsbereitschaft war. "Mein Vater war Werkzeugmacher, meine Mutter Hausfrau und Schneiderin." Hauptschule, abgebrochene Elektroinstallateurslehre, Gärtnerlehre und ein Jahr Gärtner. Dann ist der Twen ein halbes Jahr arbeitslos. Und nutzt die Zeit, um sehr viel Gitarre zu üben...

Zehn ist er, elf, als er statt der kleinen Marschtrommel, die er sich wünscht, weil die Neuhäuser Bürgerwehr sie so imposant schlägt, eine Gitarre bekommt. Mit der meldet er sich an der Jugendmusikschule an, wo er klassischen Unterricht erhält, "bis Heinz Teuchert Band 1". Der Teenager hört auf, hört nun doch lieber Rainbow und Black Sabbath. Und entdeckt Frank Zappa, "meinen ständigen Wegbegleiter" bis heute und Türöffner zum Jazz. Der erste Jazzgitarrist, den er bewusst hört, ist Doug Raney; aber er hört nun auch Klavier, Saxofon und anderes. "Das war alles mehr ein Suchen, ein Alles-mal-Ausprobieren."

Ein Gitarren-Purist ist er nicht und arbeitet doch hart am Instrument. Langsam ersetzt die Musik die Gelegenheitsjobs als Gärtner, und dann stellt er überrascht fest, "dass ich mit der Musik fast mehr verdiente als mit den Jobs.".

Irgendwann anfangs der Achtziger spielt er erstmals fest mit anderen Musikern zusammen, und bald gibt es eine erste Band, die an "Jugend jazzt" teilnimmt, zwar keinen Preis einheimst, aber doch schon "richtige eigene Kompositionen" spielt, Jazzrock, denn der sei leichter zu spielen gewesen als Jazz. Und dann taucht Dieter erstmals im Stuttgarter Jugendhaus auf, wo einmal monatlich Sessions stattfinden. "Ich wurde herzlich aufgenommen", erinnert er sich, "und von da aus ging es dann nach und nach in die Stuttgarter Szene hinein." Die Arbeit mit dem Instrument allerdings bleibt "total unsystematisch", so lange, bis ihn ein völlig neuer Ehrgeiz packt: Er will an die Hochschule, an der er ohne Notenkenntnisse keine Chance hat. "Und so hab' ich mich richtig zusammengerissen und gelernt, vom Blatt zu spielen", widerwillig, denn bis dahin ist er "ein nahezu militanter Ablehner aller Musiktheorie". Bloß nichts Akademisches! In dem Milieu, aus dem er stammt, "lernt man, so was abzulehnen." Aber nun geht es nicht anders, und plötzlich scheinen auch fast alle bisherigen musikalischen Mitstreiter "auf der Hochschule verschwunden". Dass er sich sorgt, die Freunde könnten ihm verloren gehen, ist ein Grund; der zweite ist, dass er allzu gern selbst an der Hochschule unterrichten möchte. "Mir war vieles klar. Aber ich konnte es nicht artikulieren."

Nun selbst Student, hat Dieter im Fach Harmonielehre reihenweise Aha-Erlebnisse. "Ich hatte es in mir, aber es hatte keine Gestalt. Ich hab' das dann einfach alles geordnet. Und am Ende hat es sich dann ja doch zusammengesetzt." Vier Jahre später ist er diplomiert: "Das nützt ja nicht nur dem eigenen Unterrichten. Das bringt ja wirklich was!" Leicht aber tut er sich nicht; denn "wenn man zwanzig Jahre keine Bücher gelesen und kein Abi hat, dann sitzt man da und es fällt einem enorm schwer. Aber ich hatte den Willen, das abzuschließen." Alle Parameter seien dank des Studiums "auf ein Level" gerückt, bilanziert er. "Es wurde alles glatter, geschmeidiger. Aber es wurde auch akademischer."

Und natürlich macht der Student Musik. Vorm Studium hat er schon von der Musik gelebt und gelernt, Kompromisse zu machen, mit Tanzmusik, mit Gospelchor, "aber das ist mir nie schwer gefallen, denn ich hatte ja immer den Vergleich zu meiner Gärtner-Zeit. Da stehst du von morgens bis abends, machst einen Job für elf Mark die Stunde, der dich langweilt, und abends bist du platt. Was spricht dagegen, Tanzmusik zu machen, für hundert Mark?"

Jemand aus seinem "Milieu" und mit seiner Biografie erfährt auch stilistische Entwicklungen anders als die chronisch sorglose Mehrheit, die irgendwann fasziniert entdeckt, was alles man mit einem Jazzstück machen, "wie schnell und wie lang man es spielen kann." Rasch überwindet er die Circe der Großen Jazz-Freiheit: "Ich glaube, dass es bei immer langsamer, immer kürzer, immer weniger wurde. Es ging immer weiter zurück, zurück zu: Kabel, Verstärker, Gitarre", obwohl er die Sounds der Scofield, Metheny und Stern schon sehr begehrenswert findet, Anfang '90. Er probiert herum, aber auch aufwendigstes Equipment hilft ihm nicht; er bekommt die Sounds nicht hin, ist enttäuscht, aber nur so lange, bis er zufällig in einem Musikgeschäft das Instrument entdeckt, das seinen weiteren Weg entscheidend bestimmen wird – eine Gibson ES-175D.

Da ist 30, und er kauft die Gitarre "einfach, weil sie mir gefallen hat". Zwar weiß er, dass die "175" immer teurer und immer weniger werden, aber es bedarf doch mehrerer Jahre, bis der 335-Spieler den Zugang zu dem neuen Instrument findet. Als er ihn hat, ist er Mainstreamer: "Durch die 175 kam ich zum Jazz der klassischen Moderne. Also nicht ich hab' das bestimmt, sondern die Gitarre." Und nun weiß er auch: "Die zu spielen, das ist so was Klares, da kann man gar nicht schummeln. Da muss einem was einfallen, da muss man einfach genau spielen. Und darauf achten, dass es gut klingt. Ich werde auch immer langsamer, immer archaischer." Für den Klang sorgt bei Dieter ("ich bin weg von Polytone") mittlerweile ein grundsolider Röhren-Fender mit 40 Watt. Und, fast schon gleichauf mit der ES-175, eine L-7, Baujahr 1948, mit Pickup. "Sie hat zwar die große Mensur, mit der ich nie zurechtkam, aber die läuft für mich besser als die 175. Die reagiert halt anders und hat auch das Ploppige der 175 nicht, sondern eher diesen Grant-Green-Sound." Tatsächlich wird sein Spiel ruhiger, essentieller, auf Inside beschränkt, und er ändert seinen Anschlag, "nicht mehr so weit hinten, weiter vorne, so dass ich jetzt wirklich richtig am Drücken bin. Und was die Saiten angeht: Unter .013ern läuft gar nichts mehr."

Andererseits lässt er sich die Nägel der rechten Hand wachsen. Im Sommer '99 bekommt er, Wartezeit ein halbes Jahr, eine Konzertgitarre von Santiago de Marin aus Granada und spielt sie ausschließlich zuhause, "einfach um Spaß zu haben". Jazzrezepte überträgt er auf die Neue nicht, zieht Villa-Lobos & Co vor. Ein Hobby sei das, Erholung: "Wenn man immer nur aus dem Lautsprecher kommt, mit schlechter Akustik und zu lautem Schlagzeug oder so – ach... du spielst, und es klingt und ist schön". Irgendwann doch mal Archtop-Jazz und Nylonstrings zu kreuzen, liegt ihm fern. Klassische Gitarre habe er an der Hochschule ja auch nur als Nebenfach studiert, "aber das eigentlich Interessanteste am Hochschulstudium, das war das der klassischen Gitarre." Und erinnert sich mit Freuden an seinen Klassiklehrer, über den er auch sein neues Instrument bekam. Der Ishan Turnagoel, das sei schon "ein wirklich genialer Denker. Ein ganz verrückter Typ. Der eigentlich aus der Türkei nach Deutschland kam, um in Aachen Schiffbau zu studieren. Und als er 18 war und auf seinen Studienplatz wartete, da fing er mit Gitarre an. Fünf Jahre später war er Dozent an der Karlsruher Hochschule. So ein Typ ist das. "

Er ist, wie gesagt, kein Purist; weshalb auch nicht verwundern kann, dass sich seine – nicht primär kommerziellen – Aktivitäten keineswegs ausschließlich um den Jazz drehen. Gegenwärtig sieht er sich gar wesentlich als "Sideman" im Einsatz, seit er im vergangenen Jahr "des öfteren" mit einer "eher akustisch-folkloristisch" orientierten Mannschaft auftrat, deren "Weltmusik-Charakter" nicht zu überhören sei. Eine portugiesische Sängerin ist dabei, Kontrabass, Geige und ein weiterer Gitarrist, ein purer Nylonstringer. Die Gruppe arbeitet weiter daran, portugiesischen Fado , griechische, italienische, spanische und brasilianische Musik in der Besetzung mit E-Geige, E-Drums, Vocals und Strat umzusetzen. Dabei entstünde "eine interessante Mischung, mit Klangflächen, in denen sich Ethno, Klassik, Latin und sogar Techno oder Trip Hop wiederfinden."

Dem Bebop ist Fischer trotzdem "mehr verschrieben denn je", und er wird nicht müde, "mit größtmöglichem Einsatz an meinem Gitarrenspiel herumzufeilen", was für die letzten Jahre heißt: vor allem am Anschlag, der nun kräftiger geworden ist, auch wenn sein Ziel, "alle Töne anzuschlagen, mir in letzter Konsequenz noch nicht ganz gelungen ist." Aber: "Ich verwende jetzt schon deutlich weniger Bindungen, Hammerings und Pull-offs. Schneller bin ich dadurch nicht geworden, aber auf mein musikalisches Statement und die Tonkultur hat sich das sehr positiv ausgewirkt."

"Unauffällig persönlich" nennt Dieter seinen Jazzstil. Zur umfassenderen Beschreibung dieses Stils auf andere Gitarristen verweisen kann er ebenso wenig wie jene, die seinen Stil – feinnervig, feingliedrig und sensibel wie er selbst und von eigentümlich schwer fassbarer "Privatheit" - zu schätzen, ihn überhaupt zu empfangen wissen. Doch vor zwei Jahren habe er zum ersten Mal etwas von Peter Bernstein gehört, "und ich hab' mir gesagt: Ja, genauso wollte ich eigentlich schon immer spielen." Der sei ja auch kein "Spinner", eher spartanisch, "noch diesseits des Spröden".

Janusgesichtig ist Fischers Spiel allemal, auch wenn sich das von anderen Gitarristen auch sagen ließe: Zeitgenössische Konzepte mit den Wurzeln in der klassischen Jazzmoderne. Und in seinem Fall mit ganz schön viel Jim Hall versetzt. "Ja, wenn man das Zerbrechliche oder Feine nimmt, dann kann man das wahrscheinlich sagen. Mehr Hall als Benson."

Was das Komponieren angeht, so dominieren Bescheidenheit, Zurückhaltung und wohl auch der Drang zum Reduktionistischen alle Kreativität. "Alle Jahre mal" schreibe er ein Stück – es sei denn, "jemand" mache eine CD – wie vor drei, vier Jahren Sebastian Studnitzky – mit eigenen Stücken. "Dann okay. Bist ja nun mal in der GEMA. Also streng' dich an und schreib'. Das klingt lieblos, aber ich arbeite dann so lange daran, bis ich sagen kann: Okay, das kann man 'raus lassen."

Andererseits verfüge er für die kreative Annäherung an Standards über "kein System". Da richte er sich nach seinem Können, "meinem Handwerk". Ganz klar also, dass er auf der Trio-CD sowohl Melodie als auch Akkorde gespielt und "miteinander verschmolzen" hat. Aber da sei es ihm vor allem darum gegangen, "dass die Melodie nicht zu kurz kommt" und die Begleitakkorde trotzdem nicht fehlen durften. "Das lernt man von der klassischen Gitarre: vier Töne anzuschlagen und einem davon Gewicht zu geben. Die Melodie darf nicht fehlen, der Zusammenhang muss da sein, und ausführen können muss ich es auch. Das Gesamtbild darf nicht leiden." Und, fügt der geborene Ökonom hinzu: "Dafür lieber weniger Kapriolen."

Ein Satz, wie für ihn gemacht. Lieber weniger Kapriolen. Und: Abwägen, abwägen in der Vielfalt. Der stilistischen. Der wirtschaftlichen: "Ich mag nicht, wenn Musiker ihre Leistung nur durch Kulturzuschüsse honoriert bekommen", sagt er beispielsweise. "In Stuttgart gibt es seit 25 Jahren Rogers Kiste, die eigentlich hier die einzige ernst zu nehmende Jazzkneipe überhaupt ist. Seit über zehn Jahren gibt es da jeden Tag außer freitags Live-Musik. Bezuschusst wird da so gut wie überhaupt nicht. Der Musiker spielt auf Eintritt und bekommt, was er wert ist. Wenn er gut ist und sich einen Namen macht, kommen auch Zuhörer. Aber ich sehe natürlich auch, dass ich selbst wohl auch nicht sehr viel weiter gekommen wäre, wenn es nur so funktioniert hätte."

Alexander Schmitz

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