Archtop-Germany  Portraits

Lothar Schmitz

“Immer offen bleiben” - ein Portrait über Lothar Schmitz von Alexander Schmitz

Am Abend zuvor hatte er auf seiner "Dicken", der Archtop, einer ES 175, noch mit Stuttgarts Aufsteiger Dieter Fischer einen Gitarrenduo-Gig absolviert. Und so ergibt es sich, dass wir dann halt auch über den jazzgitarristischen Nachwuchs im Gebiet in und um die Neckarmetropole klönen. Man kennt sich ja schließlich und mag sich und will was wissen, nicht wahr. Er kennt sie alle, ist ein bisschen so was wie der "elder statesman" unter den Gitarreros der außerordentlich ergiebigen Stuttgarter Szene. Und er ist das ohne jede Koketterie, einfach nur ganz matter-of-factly mit seinen 51 Lenzen. Dabei weiß Lothar Schmitz sehr genau , dass das Dasein als Regional-Doyen vielleicht ganz schön, aber durchaus auch strapaziös sein kann: "Ich bin", sagt er fast noch am Uranfang unseres Gesprächs und sucht nach Wörtern, "aber auch als unbequem verschrien, weil ich ganz gern die Wahrheit sage".

Ein passender Einstieg, um Lothar Schmitz aus Marbach bei Stuttgart auf konzise Weise besser kennen zu lernen als durch das neueste Info-Material - seine Musik zeigt das Gleiche, die Abneigung gegen die Pose, gegen alles Prätentiöse, allen Show-Off und das Händchen für Authentizität. Und dass es neues Info-Material gibt, gehört eigentlich auch nicht in einen Nebensatz, sondern signalisiert bezüglich Lothar - den die meisten vermutlich mit der "Energy Band " von vor sieben , acht Jahren assoziieren - eine Art Comeback.

"Live 98" heißt die CD des Sextetts, die dazu geführt hat, trotz geographischer Widrigkeiten - Trompeter Claus Stötter zog nach Paris und Drummer Christof Buhse nach Hamburg zum NDR - nach langer Zeit wieder zusammenzuspielen und zu merken, dass offenbar keine Zwangspause zu groß sein kann. " Nur mal wieder zusammenspielen " wollten die Jungs. Die hatten nach all den Jahren dann " gerade mal eine Stunde geübt " (und das erstklassige neunminütige "So What " auf der Platte überhaupt nicht geprobt ) und waren hinaus auf die Bühne gegangen .

"Vor ungefähr sechs Wochen " sagt Lothar , "waren wir im Theaterhaus " und fand es " erstaunlich, dass wir als local band alle 150 Plätze voll kriegten". Für Ostern übrigens steht jener Ort erneut auf dem Plan. Da spielt die Energy Band im Rahmen des Theaterhaus Festivals . " Groove Jazz " nennt Schmitz , was das hochkarätige Sextett - Löwenanteil: eigene Kompositionen und jedes Mitglied mit langer Liste erlesener Side - und Frontman-Erfahrungen - spielt. Das ist sein Synonym für höchst geglückte Grenzgängerei , geglückt , weil Schmitz & Co nicht zwischen , sondern auf einem halben dutzend moderner stilistischer Stühle von Pop über Rock bis Latin und Bop sitzen.

Das Rezept, das gar keines ist, funktioniert; wie damals geht die Musik vor allem in die Füße . Rhythmus hat Priorität. Und dass das so schön hinhaut, verwundert nicht, wenn man allein nur einigermaßen weiß, was den Musiker Lothar Schmitz insgesamt ausmacht. Dass er am Vorabend, dem Gig mit Fischer, Hendrix' "Little Wing " solo auf der dicken Jazzarchtop gab, findet er völlig in Ordnung , " Für mich gibt es nur zwei Arten von Musik - gut und schlecht gespielte". Das ist zwar kein neuer Satz, aber er signalisiert stilistische Breite und natürliche Offenheit. Früher bewunderte er McLaughlin, sagt er , heute schätzt er " eher Scofield und Pat Martino". Mit des Letzteren - Lichtfigur jazzgitarristischer Verklärung - Jim Ridl hat er acht bis zehn Gigs in Denver gehabt. Er erzählt so was eher nebenbei .

Er ist Musikprofi, nicht Show-Man. 1985 hat er für Savary gespielt, vulgo: Ute Lemper . Da hatte der Autodidakt schon 20 Jahre Gitarre aktiv auf dem Buckel , Blues und Beat und was es so gab ( und das war so furchtbar viel nicht damals ) in Schülerbands . Den 21jährigen holte der SWF samt Band zu ersten Aufnahmen , mit 22 gewann er den 1. Preis des Landesjazz-Wettbewerbs von Baden-Württemberg; 1982 entstand die Energy Band als Trio-Nukleus und das aus zwei Alben bestens erinnerliche, sehr produktive Duo mit Kontrabassist Thomas Stabenow. Und dann ging es halt immer mehr in die Vollen: Pflicht hier - Jobs in Rockoper ( "Fahrenheit 451" ) und Musicals ( "z.B. Wodka Cola " ) -, Kür da: Die Energy Band mausert sich zum Sextett, und zugleich spielt Schmitz in der Frederic Rabold Band; 1987 beim Landesrock-Festival wird das Sextett preisgeehrt. 1988 eine Art annus mirabilis - die "E.B."-CD, die erste Duo CD und Edeljobs im Orchester des Baden-Württembergischen Staatstheaters unter (dem, wie John McLaughlin bestätigen würde) notorischen Gitarren-Freund Dennis Russel Davies. 1989 folgen eine (noch eine) UdSSR-Tour mit Russel Davies und Orchester und der Oper "Die Soldaten".

1990 spielt die Energy Band im Rahmen eines Kulturaustauschprogramms in Barcelona. Und und und.

Und? Nun - seit 1988 leitet Lothar zusammen mit Michael Kersting die Stuttgarter Live-Konzerte "Montagabendband" und bis vor einem halben Jahr Programmmacher in der traditionell gitarrenfreundlichen "Rogers Kiste". Er kennt keine Berührungsängste beim "Schweinejazz" in der "New Orleans Band" ; frönt in der MAMBebOp Band, die im Frühjahr 2001 das wohlverdiente Debutalbum vorlegt, in nun schon gewohntem Energiereichtum dem ausgeprägtem Rhythmus-Faible (NB: Er spielt auch Perkussion), pflegt nach wie vor den blitzgescheiten Duolog mit Stabenow, jammt in der lokalen Stuttgarter Gruppe "All That Jazz" und erwähnt eher zögernd das Spiel in einer "Burt Bacharach Band" . Und leitet dann noch - Archtop, Anzug, Fliege und jede Menge beglückender Jazzgitarren-Mainstream - seit knapp vier Jahren eine ganze Band als veritable Hommage-in-Permanenz: Die "Wes Montgomery"-Band . Wes sei immer sein großes Vorbild gewesen, sagt er, spielt aber das, was "The Thumb" mit dem Daumen zauberte, "mit einem Stone-Pick", einem Plektrum aus Stein.

Rogers Kiste macht er also nicht mehr und auch so allerhand anderes nicht mehr. Denn er sehnt sich nach einem ruhigeren, längeren Aufenthalt in der Innenwelt. Introspektive, meint er, tut Not. Da sei er doch, gottlob, ein bisserl reflektierender veranlagt als so viele seiner kollegialen Betriebsnudeln. Einfach herausfinden will er, wo er denn musikalisch nun eigentlich steht und was das verlange und welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien. Gefragt nach einer derzeitigen " Philosophie" oder, neudeutsch: "Job Description", sagt er, dass er vor allem anträte wider jede Routine. Eine musikalische Aussage müsse schließlich schon da sein" eingebettet in viel rhythmischen Dialog zwischen den Stilen und den Generationen - immer offen bleiben".

Alexander Schmitz

 

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