Archtop-Germany     Tips: Fälschungen

 Archtops und ihre (Ver-) Fälschungen oder

Die Welt will betrogen werden - Eindrücke eines Gitarristen

“Eine etwas neidische Frau nähert sich ihrer Freundin, die einen prächtigen Pelzmantel trägt und fragt spitz: "Ist der echt?". Die schnippische Antwort kommt sofort: "Eine wirkliche Kennerin würde das sofort erkennen!". So wie in der Anekdote kann es kommen: jemand stellt eine zweifelnde, vielleicht unterstellende Frage nach der Echtheit eines Objekts, die Frage bleibt unbeantwortet, der Fragende wird stattdessen als ignoranter Banause hingestellt und erhält eine Abfuhr.

Wir Gitarristen haben uns längst daran gewöhnt, dass es auf dem Markt von Gitarren nur so wimmelt von Kopien, Nachbildungen, Nachahmungen, Nachbauten, Nachempfindungen, Reissues, Replikaten, Relics, Reproduktionen, Imitationen und leider auch Fälschungen. Woher wissen wir sicher, dass diese oder jene Gitarre/Archtop kein Blender, also echt, original, die andere jedoch eine Fälschung ist. Bewirken das vertrauenserweckende Verhalten des Händlers, der hohe Preis der Gitarre, überhaupt das Instrument selbst, seine Seltenheit u. v. a. m., dass wir die Echtheit unterstellen?

Der Verdacht auf fehlende Echtheit, Blendwerk, Fälschung, Verfälschung usw. ist schnell erhoben, rasch zurückgewiesen, noch schwerer zu erhärten, manchmal aus naheliegenden, verständlichen Gründen. Aber nicht alles ist eine Kopie, was wir dafür halten. Ist nicht eine Kopie auch ein Kompliment fürs Original, übertrifft diese das Original auch noch? Wer zieht den Nutzen aus einer Fälschung, wer erleidet Schaden? Neuentwicklung kostet Geld und Hirnschmalz, nachmachen kann (fast) jeder (Innovation vs Imitation). Gebietet es nicht manchmal die Menschlichkeit, ein wirksames, billig nachgemachtes Medikament an Kranke billig zu verteilen?

Es wird deutlich, das Thema (Ver-) Fälschungen, Imitationen usw. ist unübersichtlich, uneindeutig, Gut (Original) und Böse (Fälschung) sind nicht einfach zu trennen.

So wird fröhlich gefälscht, verfälscht, nachgemacht oder erfunden: Kleidung, Geld, Urkunden, archäologische Funde, medizinische Forschungsergebnisse, Medikamente, Ersatzteile, Fotos, Gemälde, Kompositionen, Möbel, Uhren, CD.... wohl alles, was wir begehren und benötigen.

FULD (2000) gibt in seinem lesenswerten Buch "Das Lexikon der Fälschungen" gleich einen Hinweis, warum wir nach Fälschungen verlangen: "Je weniger es dem Menschen möglich ist, ein identisches, kohärentes Leben zu führen, desto heftiger erwartet er es von den Dingen" (S. 7).

Diese tiefgründige Behauptung klingt bedeutsam, muss deswegen jedoch nicht (allein) richtig sein und bedarf des Nachweises. Täuschen wir uns und/oder andere also, um unsere als defizitär erlebte Persönlichkeit zu überhöhen? Wohl auch, aber nicht nur: Fälschung, so sei zu behaupten, ist eine gewerbsmäßige Herstellung von scheinbaren Wahrheiten zum Zweck der Täuschung. Vielleicht werden Wahrheit, Echtheit usw. überschätzt. Die Wirklichkeit zeigt immerhin, dass eine Fälschung dann und wann in einen wirtschaftlichen Verwertungskreis aus listigem Betrüger, (manchmal einsichtigen, beschämten) Betrogenen und zuweilen prüfenden Experten gerät. Der Experte seinerseits darf und kann auch irren und lässt sich (un-)wissentlich täuschen. So ist er auch noch ggfs. der akkurate Trottel, der beschummelt wird - wenn er überhaupt im Zweifels-/Streitfall hinzugezogen wird. Bei Geigen, so FULD (2000), werden gleich Papiere, alte Kaufverträge und Rechnungen mitgefälscht. Sagt der Gutachter etwas zur Tonqualität, sagt das überhaupt nichts über die Echtheit des Instruments aus. Chemische Analysen des Lacks sind ggfs. notwendige, aber nicht hinreichende Prüf- und Beurteilungskriterien. Da wird ein Gutachter nötig, der jedoch meist selber Händler ist und nicht selten Kollegen Gefälligkeitsgutachten ausstellt. Selten ist bei Meistergeigen von gerichtlichen Verfahren zu hören. Das spricht nicht notwendig für die Seriosität des Marktes. Man scheut öffentliches Aufsehen und nimmt branchenüblich eine beanstandete Meistergeige sofort zurück ( 101-102). Ehrensache!

Mit der Ehre kann es im Zusammenhang von Musik schnell vorbei sein. Morris ALBERT sang uns um 1975 das Lied von den "Feelings" mit dem markanten Akkord-Klischée und gab sich als dessen Komponist aus. Das Lied hörten auch Komponisten in Frankreich, die einen Plagiatsprozess gegen ALBERT ein Jahrzehnt später gewannen. Holz ist ein edler, vielseitiger und geduldiger Werkstoff, meinen so manche Liebhaber. In Edinburgh, Schottland, durfte ich einem Fälscher beim Werk zuschauen: er fertigte einen antiken Stuhl aus echtem alten Holz, mit echten alten Nägeln und setzte Gebrauchsspuren, in- dem er dem Holz mit einer Kette zu Leibe rückte. Holz und Nägel stammten aus der Ruine eines alten Bauernhauses. Alles echt, nur nicht die Zusammenstellung. Der Fälscher wusste wohl, auf welche Details prüfende Experten gerne achten. Blenderuhren und CD-Raubkopien werden schon manchmal von Straßenwalzen platt gemacht, um drastisch und demonstrativ zu belegen, wie man vor den Augen der Weltpresse mit Marken-Piraterie- Ware verfährt.

Noch nie habe ich allerdings sehen können, wie eine Straßenwalze gefälschte Gitarren plättet. Kommt ja kaum vor, könnte man vermuten. Oh, doch. Vor vielen Jahren erhielt ich ein Angebot einer Fender Stratocaster, die nicht das typische "e" im Namenszug aufwies. Eine eher naive Fälschung des Klebebildchens auf der Kopfplatte (Markenzeichen - Fälschung). Der Anbieter trollte sich wort- und grußlos auf meine neugierige Nachfrage.

Das Baukasten-Prinzip der Fenderinstrumente begünstigt ihr (Ver-) Fälschen: Rasch ist ein neuer Hals, der dem ursprünglichen ( schadhaften ) Hals entspricht, auf einen alten Korpus angebracht, Mechaniken ausgetauscht, neue, alte Ser.Nr. nicht vergessen, Arbeitsspuren gezaubert - fertig ist die Laube! Außerdem gibt es reichlich Relics (künstlich gealterte Instrumente) im Angebot, die das (Ver-) Fälschen erleichtern. Diese Relics werden schon mal mit Ketten bearbeitet, mit Kältespray besprüht, um Lackrisse zur Simulierung von Alter zu erzeugen. Carlos JUAN ( 1996 ) hat in seiner Beitrags- Reihe "Der Preis ist heiss", sattsam Praktiken und Problematik geschildert und eindringlich gewarnt.

Archtops ( A. ) werden eher verfälscht als gefälscht. Möglich ist, dass für Fakes eine zu geringe Nachfrage durch eine begehrliche, zahlungskräftige, allerdings auch kritische, wertbewusste, bei Bedarf auch streitbare Kundschaft besteht. Ein kalifornischer Händler beklagte mal mit einem bösen Lächeln, dass dies alles ( Zahn- ) Ärzte, Psychologen, Architekten, Freiberufler seien. In USA seien Kunden fast prozessgierig. Bei A. gehen Fälscher notwendig feiner zu Werke, vertragen doch A. kaum Schläge mit Ketten oder heftige Stöße. Misslungene, fehlerhafte, verbrauchte, schadhafte A., etwa auch Havarieware, werden verwertet: brauchbare Teile (PickUps, Saitenhalter, Mechaniken, Gitarrenzettel, Schlagbretter, Rändelmuttern, Kabel, Potis, Logos usw.) werden entnommen, archiviert und in baugleiche Fremdprodukte integriert. Geeignete, präparierte Empfänger-A. hat es genug gegeben, die sich sorgfältig umarbeiten ließen. So gab es bis Mitte der 1970er Jahre ausgezeichnete, rotzfreche Kopien mancher Schlachtschiffe von Gibson (Super 400, L5, Johnny Smith, auch ES 175) durch die japanische Firma Ibanez. Gibson wehrte sich, so war zu lesen, strengte einen Prozess an, der angeblich nur deswegen nicht zustande kam, weil Ibanez den Bau seiner A.-Nachbildungen rechtzeitig einstellte. Es ging natürlich auch ums liebe Geld, konkret aber um den Gebrauchsmusterschutz der oberlippenähnlichen Ausformung des oberen Randes der Kopfplatte. So kleinlich können Branchen-Riesen sein! Die Form des Gitarrenkörpers selbst unter Gebrauchsmusterschutz zu stellen, war wohl nicht möglich. Andere A. haben weitere unterscheidbare, eindeutig zuschreibbare Stilmerkmale, etwa die Form der Schalllöcher (mal F-/ mal S-förmig, geteilt usw. ).

Ein Masterluthier aus den USA berichtete mir einmal, dass ein ebenso bekannter Masterluthier aus den USA für sich beanspruchte, die gedehnte, schlanke S-Form auf seinen A. als erster entwickelt zu haben, freilich ohne diese unter Schutz zu stellen. Tatsächlich findet sich eben diese gedehnte S-Form des Schallloches schon auf einer französischen Geige um 1840. Niente di nuovo sotto sol/ Nichts neues unter der Sonne.

Bei der Integration echter Bauteile in Kopien müssen anachronistische Fehler vermieden werden: Gitarre und eingefügtes Bauteil müssen aufeinander zeitlich abgestimmt sein. Also kein modernes Teil in eine vermeintlich alte A. (Rähmchen für die PU, Schrauben, Federn, Potentiometer, Knöpfe usw.).

Rohlinge von Korpussen aus Konkursmasse oder Überproduktion werden bearbeitet "im Stil von xyz“, Hälse "im Stil von xyz“, im Ausland zugekauft samt Plastikteilen (Bindings, Schlagbretter, Einlagen), schließlich endgefertigt. Auf Wunsch werden diese (nicht immer hochwertigen) Kopien mit PU bestückt, die selbst Nachbildungen sind (etwa De Armond, Johnny Smith), deren Bezeichnung allerdings einen guten Klang herbeizaubert.

Mir ist ein A. - Spieler bekannt, der aus Zorn gegen eine Herstellerfirma deren Logo vom Kopf seiner Gitarre hat entfernen lassen mit der Begründung, diese Firma zahle nicht für seine unfreiwillige Werbung. Was mit den entnommenen echten Teilen geschehen ist, bleibt sein Geheimnis. Anfang der 1980er kaufte ich eine Ibanez-Nachbildung der Gibson- Modell- Gitarre Johnny Smith. Das Ding klang gut, lies sich bestens spielen, hatte allerdings merkwürdige Mängel: Ihr Zettel wies eine "Natural (NT)" aus, ich hielt allerdings eine Sunburst im Arm; angebliche Fehlbohrungen an typischen Stellen zur Halterung des Schlagbrettes; das verbliebene Schlagbrett aus Plastik wies nicht die erforderlichen mehrfachen Bindings auf, wirkte sehr dünn, fragil und billig. Offensichtlich eine verfälschte Nachbildung. Wo waren die originalen Teile dieser Nachbildung geblieben? Waren die ersetzen Teile einer anderen, evtl. sogar echten „ Johnny Smith“ zugeeignet worden? Denkbar. Ich bemerkte die Mängel zwar, fand die A. trotzdem gut, lobte und kaufte sie, ohne den Händler auf Unstimmigkeiten und Mängel anzusprechen. Sie klingt noch heute gut, zugegeben etwas anders, nicht jedoch schlechter als das Original. Letztlich habe ich auf die Täuschung des Verkäufers täuschend reagiert.

Ein Gitarrist kaufte vor ca. 20 Jahren eine gebrauchte Gibson Super 400 bei einem Händler. Das Instrument hatte 1. keinen Gitarrenzettel, 2. war der Koffer innen für das Baujahr der Gitarre mit untypisch andersfarbigem Stoff ausgeschlagen. Das Instrument wurde 3. unter Ausschluss von Gewährleistung "im Kundenauftrag" angeboten und verkauft (Kommissionsware). Alles nicht Belege für zweifelsfreie Umstände.

Egal, ob ge- oder verfälscht, erfunden oder sonst was:

Die meisten A. Player werden wohl zustimmen: noch nie hat es so viele gute und preisgünstige A. gegeben wie in der Gegenwart, ob sie nun aus der Fabrik oder vom Individualbauer stammen. Grübeln doch so manche A. Player: "Ja, wenn ich schon früher so ein klasse Instrument gehabt hätte,...!".

Und richtig: als ob historisch oder edel-alt gleichbedeutend mit gut sei, entstehen Neuauflagen/Wiedergänger alter Modelle (Reissues), etwa aus eigenem Haus (z. B. Gibson). Historische Sammlung oder Vintage heißen hier die Verkaufsargumente. Man kopiert sich sozusagen gleich selbst.

Dann tauchen alte Namen früherer ( Individual-)Hersteller bei neuen A. auf, Namen, die für unwiederbringlich gute Qualität zu bürgen schienen: Stromberg, D'Angelico, D'Aquisto, jüngst Hagström. Wann ist die Auferstehung von Levin zu begrüßen? Immerhin sind es überwiegend alte, bewährte Modelle in zeitgenössischer (Fertigungs-) Technik, nicht nur Nostalgie oder Sentimentalität. Es scheint, als sei der Name des Produkts wichtiger als das Werk. Überdies verkauft Robert Benedetto noch Baupläne seines Erfolgsmodells. Eine Steilvorlage für Fälscher?

Aber lohnt dann überhaupt noch das Fälscherhandwerk, sind Fälscher nicht jetzt ihren Krokodilstränen nahe? Ich vermute, sie wittern Morgenluft, gibt es doch damit genug Frischware, die sich auf vintage trimmen lässt.

Noch immer gibt es Fälscher aus Ehrgeiz, Eitelkeit, Geltungsbedürfnis, Gewinnstreben und Käufer mit vergleichbaren Gründen: manche A., ob Fälschung oder Original, ist auch Spekulationsobjekt mit Gewinnerwartung, einer Aktie gleich.

Eine rechtliche Würdigung des Fälschungsproblems kann hier nicht geleistet werden.

Laut dpa-Meldung vom 06.01.2006 lässt uns der Geschäftsführer der Frankfurter Messe wissen, dass es sich bei Fälschungen um eine Form von Wirtschaftskriminalität handelt. Danach machen gefälschte Produkte inzwischen 8% des Welthandels aus. 90% der Fälschungen kommen aus dem Ausland, rund 50% der gefälschten Waren kommen bislang aus China und Thailand. In Deutschland wird der jährliche Schaden auf 25 Milliarden Euro geschätzt. Fälschern geht es nur um hohe Gewinnspannen: Schließlich müssen sie Entwicklungskosten und Designstudien nicht bezahlen - und meist produzieren sie auch in einer deutlich schlechteren Qualität.

Das bedeutet eine Gefahr für den Verbraucher etwa bei elektrischen Geräten und Medikamenten. Das Deutsche Patent- und Markenamt rät den Unternehmen, nicht nur technische Entwicklungen als Patent, sondern auch als Design und die Marken zu schützen (Geschmacksmusteranmeldung). Künftig will die Leitung der Frankfurter Messe einen Stand errichten, wo sich Besucher und Aussteller über das Thema Produktpiraterie informieren können. Wer als Fälscher auffliegt, wird bei der Messe ausgeschlossen.”

H.W.

Der Autor dieses Artikels möchte nicht öffentlich bekannt werden, ist der “Redaktion” aber bekannt.

Weiterführende Literatur:

BENJAMIN, W., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt, 1963

CORNIO, K. (Hg), Gefälscht!, Frankfurt, 1996

DIETZSCH, S., Kleine Kulturgeschichte der Lüge, Leipzig, 1998

Di TROCCHIO, F., Der große Schwindel, Reinbeck, 1999

FULD, W., Das Lexikon der Fälschungen, München, 2000

GIRTLER, R., Bösewichte, Wien, 1999

GRAFTON, A., Fälscher und Kritiker, Frankfurt, 1995

JUAN, C., Der Preis ist heiss, Fachblatt Musikmagazin, Köln, 1996, April-September REITZ, J., SOKOLOWSKI, K., Lügner, Fälscher, Lumpenhunde, Leipzig, 2000

SOMMER, V., Lob der Lüge, München, 1992

WALLER, K., Lexikon der klassischen Irrtümer, Frankfurt, 1999

 

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