Archtop-Germany     Saiten

 

Ich wurde des Öfteren gebeten, einen Artikel über dieses Thema zu schreiben. Bisher hatte ich mich um das schwierige Thema gedrückt ;-) Nun ist es also geschafft und ich hoffe, dass speziell diejenigen, die darum baten, in dem Artikel das wiederfinden, was sie suchen...
Saiten
1. Grundlegendes
2. Auswirkung der Saite auf den Klang
3. Saiten für Archtops
4. Saiten für Anfänger und Wiedereinsteiger
5. Saiten verschiedener Hersteller
6. Pflege des Saiten

1. Grundlegendes

Es ist in erster Linie die Saite, die wir berühren, wenn wir Gitarre spielen, und das mit beiden Händen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn dieses Thema ein sehr subjektives ist. Ich möchte mich daher bei diesem verzwickten Thema auf möglichst objektivem Terrain bewegen und hier und da etwas durch Beispiele ergänzen.

Es ist weiterhin auch in erster Linie die Saite, die den Klang erzeugt, nicht die Gitarre. Die Gitarre nimmt die Schwingung auf, färbt klanglich und verstärkt sie. Wie groß der Einfluss der Saite auf den Klang ist, macht folgendes Beispiel deutlich: Nimmt man drei total unterschiedliche Saitensätze (z.B. Bronze, Nickel-Flat, und Nickel-Round) und zieht diese nacheinander auf die gleiche Gitarre auf, so sind die Klangunterschiede immens. Nimmt man jetzt drei mal den gleichen Saitensatz und montiert ihn auf drei verschiedenen Gitarren, so wird das Ergebnis nicht so stark differieren wie im ersten Versuch.

Warum also auf die Suche gehen nach der richtigen Gitarre? Suchen wir den richtigen Saitensatz! Nein, das ist natürlich Unsinn, aber es macht deutlich, wie stark der Anteil der Saiten ist. Natürlich ist es sinnvoll für jede Gitarre und jeden Gitarristen den richtigen Saitensatz zu finden.

Hier gebe ich wirklich nur Grundlegendes von mir; bitte erwartet keine physikalischen Hochflüge.

1.1. Auswirkung der Saitenstärke

Die Stärke der Saite hat mehrere Auswirkungen auf Spieler und Gitarre:

  • Je dicker eine Saite ist, desto mehr Masse hat sie.
  • Je mehr Masse eine Saite hat, desto größer muss die Spannung der Saite sein, um die gleiche Tonhöhe zu erreichen.
  • Je mehr Masse eine Saite hat, desto mehr Energie (Anschlag) muss man aufbringen um sie in die gleiche Schwingung zu bringen.

Das hat in der Praxis Folgen:

  • Ein dünnerer Saitensatz fühlt sich “weicher” an, weil er nicht so stark gespannt werden muss.
  • Eine dünnere Saite hat bei gleichem Anschlag eine größere Auslenkung - das bedeutet, dass sie leichter anfängt zu schnarren. Dies wiederum bedeutet im Umkehrschluss, dass man mit einem dickeren Saitensatz eine tiefere Saitenlage spielen kann.
  • Ergo: dickere Saiten vertragen eher einen kräftigen Anschlag, ohne dass die Saiten auf den Bundstäbchen zu schnarren beginnen.
  • Ergo 2: Je länger eine Mensur einer Gitarre ist, desto besser verträgt sie dickere Saiten.

1.2. Klangfaktoren einer Saite

Für den eigenen, spezifischen Klang einer Saite sind im wesentlichen folgende Faktoren verantwortlich:

  • Materialien zur Herstellung
  • Stärke der verwendeten Drähte
  • Art des Aufbaus der Saite

1.2.1. Materialien

Dass eine Nylonsaite anders klingt, wie eine Stahlsaite, muss ich hier nicht näher erläutern ;-) Interessant ist aber, welche geringe Faktoren bereits einen Unterschied machen. Bei Stahlsaiten ist z.B. der Kohlenstoffanteil im Stahl dafür verantwortlich, welche Klangnuancen die Saite haben kann. Jeder Hersteller hat da seine eigene (gehütete) Legierung.

Die Umwicklung einer Saite ist natürlich ebenfalls vom Material unterschiedlich. Dort verwendet man u.a. Bronze, Phosphor-Bronze, Nickel, Chrom...

Bei Bronzesaiten ist es beispielsweise der Kupfergehalt, der einiges am Ton ausmachen kann.

1.2.2. Stärke der Drähte

Hier geht es nicht nur um die Stärke eines einzigen Drahtes, sondern auch um die Stärke der Umwicklung. Beides kann variieren um letztendlich auf die gleiche endgültige Saitenstärke zu kommen. Diese Nuancen bewirken Klangveränderungen der Saite.

Je dicker der Kerndraht der Saite ist, desto kräftiger und druckvoller ist der Ton. Lebensdauer der Saite und das Sustain sind länger.

Je dünner der Kerndraht ist, desto durchsichtiger und feiner ist der Klang. Die Saite wirkt flexibler auf den Spieler, reißt aber schneller.

1.2.3. Art des Aufbaus der Saite

Hier muss man bereits den Kern einer umwickelten Saite betrachten. Dieser ist aus Stahl und entweder rund oder sechseckig. Bei runden Kernen wird der Wickeldraht praktisch auf den Kern geklebt, bei sechseckigen Kernen hält die Umwicklung wegen der Kanten des Sechseckes praktisch von alleine, weil die Legierung der Ummantelung weicher ist, als der Stahlkern. Selbstverständlich hat dies eine Auswirkung auf den Klang. Die Saiten mit sechseckigem Kern sind leichter in Schwingung zu versetzen, da kein Kleber enthalten ist.

Aber auch die Art des Wicklungsdrahtes ist unterschiedlich. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich Flat-Wound-Saiten anschaut: Die sind entweder mit rundem Draht umwickelt, der dann flachgeschliffen wird, oder mit einem bereits flachen Drahtband umwickelt.

Soviel zum Grundlegenden. Dieses Wissen sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man auf der Suche nach der “richtigen Saite” ist.

2. Auswirkung der Saite auf den Klang

Zu diesem Thema wurde weiter oben bereits Grundlegendes gesagt, was aber beim Kauf einer Saite nicht so stark berücksichtigt werden kann. Hier geht es nun um verschiedene Saitentypen.

2.1. “Flat Wound” Saiten

Die “Flat Wound” Saiten, die wir in Deutschland meistens “geschliffene” Saiten nennen, sind entweder mit rundem Draht besponnen, der dann nachher flach geschliffen wird, oder meistens mit bereits flachem Draht umwickelt.

Flat Wound Saiten haben im Verhältnis zu den anderen Saiten einen sanfteren, wärmeren, dunkleren Klang. Durch die Art ihrer Oberfläche geben sie kaum Griffgeräusche ab. Aus dem gleichen Grund sind sie sehr angenehm zu spielen.

Saitensätze gibt es i.d.R. ab 0.11 bis 0.14 serienmäßig zu erwerben. Stärkere Sätze muss man sich zusammenstellen.

Die blanken Saiten bestehen meistens aus Stahl oder beschichtetem Stahl (Chrom, Zinn...)
Die Umwicklung ist zumeist eine Nickel-Legierung, manchmal beschichtet mit Chrom.

Flat Wounds haben im Verhältnis zu anderen Saiten eine längere Lebensdauer, da sie kaum Zwischenräume zwischen den Wicklungsdrähten haben, in denen sich Schmutz anlagern kann.

2.2 “Round Wound” Saiten

Die “Round Wound” Saiten oder “ungeschliffene” Saiten sind mit einem runden Draht umwickelt.

Sie klingt rauher, lauter, härter, presenter, klarer, brillianter. Sie geben starke Griffgeräusche ab (also immer schön die Hände von den Saiten nehmen beim Umgreifen :-)

Round-Wound Saiten gibt es i.d.R. ab der Stärke 0.9 und werden in allen Stilistiken gespielt: Rock, Funk, Blues, Jazz... Im Bereich des Jazz bieten die meisten Hersteller eigene Round-Wound Sätze an, die stärkere Duchmesser haben; i.d.R. wiederum ab 0.11. Die Materialien für diese Saiten sind die gleichen wie oben.

Es gibt Round Wound Saiten auch aus Bronze oder Phosphor-Bronze. Sie finden meist auf einer Flat-Top Gitarre Verwendung.

2.3.” Half Round” Saiten

“Half Rounds”, oder “angeschliffene” Saiten sind mit einem runden Draht umwickelt, der dann angeschliffen wird. Dieser Saitentyp ist für diejenigen, die sich nicht für einen der beiden anderen entscheiden können gedacht ;-)

Logischerweise ist dieser nicht so häufig gespielte Saitensatz klanglich zwischen den Round- und Flat-Wounds anzusiedeln. Die Materialien sind gleich.

Ich persönlich würde diesen Satz am ehesten empfehlen, wenn man eigentlich lieber Round-Wounds spielen würde, aber das Griffgeräusch nicht mag; es ist hier dezenter.

3. Saiten für Archtops

Auf Archtops werden in der Regel folgenden Saiten gespielt.

  • Flat-Wounds, meistens eher Mainstream-Jazzer, die ein Tonvorbild wie z.B. Wes Montgomery, Jim Hall, Russel Malone und viele andere haben. Es dürfte die am meisten auf Archtops verwendete Saite sein, wenn es um die Stilistik Jazz geht.
  • Round-Wounds werden im Jazz eher von den Gitarristen benutzt, die einen stärkeren Blueseinfluss haben, aber auch moderne Jazzer wie Metheny und Scofield spielen solche Saiten. Zu empfehlen sind sie u.a. auch, wenn man eher ein Begleit-Gitarrist ist.
  • Round Wounds aus Bronze oder Phosphor-Bronze klingen auf einer Archtop im Verhältnis lauter und glockiger als andere Round-Wounds. Sie eignen sich stilistisch eher in den Bereichen “akustische Begleitung”. Auch Volksmusiker, die Archtops spielen, mögen diesen Sound ebenfalls.
  • Half-Rounds eignen sich m.E., wie bereits gesagt, am ehesten für diejenigen Spieler, die das Klangideal “Round” haben, aber vom Griffgeräusch gestört werden.

Aber nicht jede Saite, die den Geschmack des Spielers trifft, ist auch die richtige für die Gitarre.

  • Alte Vintage-Archtops ohne Stahlstab vertragen in der Regel keine zu starken Saitensätze. Hier sollte man sich, von Ausnahmen abgesehen, bis zur Stärke 0.11 wagen.
  • Vintage Archtops, die zwar einen Stahlstab, aber keinen verstellbaren Stahlstab haben (z.B. Lang), vertragen etwas mehr, aber man sollte vorsichtig sein. 0.12 dürfte die wahrscheinlichste Saitenstärke sein.
  • Archtops mit verstellbarem Stahlstab sind heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Ihr sollte man mühelos 0.13er und 0.14er Saitensätze zumuten können.
  • Ab 0.15 bekommen aber auch diese Archtops Probleme. Michael Arlt beispielsweise spielt einen `selbstgebauten´ Satz: E-A-D aus dem 0.13er D`addario Chromes ( 0.56 ­ 0.45 ­ 0.35 ) und Ernie Ball Plain für G-B-E ( 0.24 ­ 0.20 ­ 0.16). Hierzu war die Hilfe eines erfahrenen Gitarrenbauers notwendig. Wer etwas Näheres dazu wissen möchte, sei auf das Interview mit Michael Arlt verwiesen... (hier...)

4. Saiten für Anfänger und Wiedereinsteiger

Ich habe in der Zeit, in der ich Unterricht gab, immer wieder festgestellt, dass das Thema Saiten für diesen Personenkreis schwierig ist und zu Verunsicherung führt. Auch wurde ich des öfteren per Email gebeten, diesen Artikel zu schreiben.

Ich empfehle daher, mit einem Satz 0.11er Flat-Wound zu beginnen und sich dann je nach spieltechnischer und geschmacklicher Entwicklung weiter vorzutasten. Der 0.11er Satz hat den Vorteil, dass er dem Spieler noch nicht zu viel Kraft abverlangt. Flat-Wound deshalb, weil die Saiten kaum Greifgeräusche verursachen, sich sanft anfühlen und schon sehr “jazzig” klingen.

Wer nicht jazzig klingen möchte, nimmt den gleichen Satz in Round-Wound

Die meisten Spieler entwickeln sich im Laufe der Zeit zu stärkeren Saitensätzen. Es ist später nur noch eine Frage des Musikgeschmacks, ob man Flat- oder Round spielt. Je gößer die Erfahrung und die Routine des Spielers, desto eher ist er in der Lage, die Griffgeräusche eines Round-Wound-Satzes in den Griff zu bekommen.

Irgendwann ist man dann soweit, dass man den Satz gefunden hat? Manchmal ja, manchmal nein. Denn jetzt kommt das Problem der verschiedenen Hersteller :-)

5. Saiten verschiedener Hersteller

Es gibt nahezu unzählige Anbieter von Gitarrensaiten. Wer hat da gerade gerufen, dass es angeblich doch weltweit nur drei Hersteller gibt, die dann an verschiedene Abnehmer liefern?

Nun dieses Gerücht gibt es wirklich, aber es handelt sich dabei tatsächlich um ein Gerücht. Es gibt in Wirklichkeit viel mehr Fabrikanten von Saiten.

Jeder, der dann seine Saiten in eine Markenverpackung gibt, hat meistens auch sehr individuelle Vorstellungen darüber, welche Legierungen zum Einsatz kommen sollen, welcher Kerndraht verwendet wird etc. (siehe 1. Grundlegendes).

Auch die Art der Herstellung differiert, so gibt es z.B. die beiden Möglichkeiten der Umwicklung eines Kerndrahtes unter Spannung der Saite und unter Entspannung...uvm.

Wer ein wenig Erfahrung sammeln konte, weiß auch vom Spielgefühl her, dass sich “gleichartige” Sätze unterschiedlicher Hersteller anders anfassen, anders klingen...

Wesentliche Unterschiede gibt es:

  • in der Lebensdauer von Saiten
  • manche neue Saiten klingen erst nach ein paar Spielstunden gut
  • Präsenz der Saiten
  • Flexibilität / Starrheit

Dieses Thema kann man diskutieren und das wird unter Gitarristen auch ausgiebigst getan, aber dennoch ist dieses letzte Thema zutiefst individuell. Ich nehme jetzt mal mich selbst als Beispiel:

Ich habe früher einen Saitensatz gespielt, der sich gut anfasste, recht lange stabil blieb, aber fast 2 Wochen brauchte, bis er angenehm klang; am Anfang klang er sehr hart und spröde. (Quiz: Welcher ist das wohl ? ;-)

Da mich das genervt hat, suchte ich nach Alternativen und siehe da: Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht.

Nach vielen Zwischenstationen spiele ich heute einen Satz, der von Anfang an gut klingt und dies auch lange beibehält. Er fast sich aber nicht so gut an, wie der alte... Ich habe mit der Saitenstärke 0.13 auf 0.54 auch keine weiteren Probleme / Änderungsvorstellungen, so dass ich einen kompletten Satz benutzen kann.

Aber interessanterweise habe ich diesen Satz nicht auf allen meiner Archtops. Da gibt es welche, auf denen gefällt mir ein anderer Saitensatz besser. Warum das so ist, kann ich nur über das “Spielgefühl” erklären. Da hilft mir das ganze Wissen gar nichts.

Der einzige wirklich hilfreiche Tip, den ich also nach all den vielen Worten geben kann heißt: AUSPROBIEREN! Dabei wünsche ich möglicht viel Spaß :-)

6. Pflege von Saiten

Wenn die Saiten neu sind, klingen sie am brilliantesten. Mit zunehmender Spieldauer verlieren sie an Höhen. Sie werden matt und matter und irgendwann ist es soweit, dass man sie aufgrund der Materialermüdung nicht mehr richtig stimmen kann. Irgendwann wird sie auch ganz sicher reißen. Korrosion.

Interessanterweise halten die Flat-Wound Saiten ihren Ton länger; weil sich nicht so viel Schmutz in den Zwischenräumen ansiedeln kann, aber laut Herbert Ritinger, der es wissen muss, korrodieren Flat-Wounds schneller, weil man den Schmutz und vor allem den Schweiß nicht mehr aus den Kapillaren der Umwicklung entfernen kann. Das ist natürlich vollkommen richtig, aber in der Praxis nicht immanent, denn man wechselt die Saiten wesentlich früher.

Unsere Feinde heißen also Schmutz, Schweiß und Materialermüdung. Die Materialermüdung kann man eigentlich vernachlässigen, denn sie ist lediglich durch die Umstellung auf ein besseres Produkt beeinflussbar.

Bleiben Schmutz und Schweiß. Man kann dem nur soweit vorbeugen, dass man die Saiten nach jedem Spielen mit einem weichen Lappen gründlich abwischt. Am besten klemmt man die Saite dazu in das Tuch ein, damit sie nicht nur von oben abgewischt wird.

Herbert Rittinger hat sogar einen Rat, der im Vorfeld Abhilfe schafft. Er besprüht einen Lapen mit Silikonspray und gleitet damit über die Saiten. Dadurch werden erstens die Kapillaren geschlossen, der Schweiß kann nicht eindringen, zweitens “prallt” der Schmutz an der Oberfläche ab und drittens bekommt die Saite sogar ein schöneres Spielgefühl, weil sie weniger Reibung verursacht. Klanglich ändert sich nichts; zumindest nicht hörbar. Ich habe es ausprobiert, es ist wirklich gut.

Das Wischen nach dem Spiel kann man sich aber dadurch nicht ersparen :-)

 

Fragen / Anregungen zum Saiten-Thema gerne per Email oder auch im Forum, da haben dann alle was davon.

Stay in tune
Andreas Polte

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